Trauma und

Therapie

Als Traumatherapie gibt es viele unterschiedliche Verfahren. Sie können den Traumatisierten dabei unterstützen, seine posttraumatische Überlebenssituation zu stabilisieren, seine Traumaerfahrungen zu kompensieren oder gar das Trauma zu rekonstruieren.

Ich setze bei der Bearbeitung traumatischer Erfahrungen körperentspannende Methoden, systemische Aspekte sowie Imaginations- und spezielle Fragetechniken ein.

Trauma bedeutet im weitesten Sinne eine Verletzung durch eine äußere Einwirkung: eine körperliche Verletzung mit seelischer Folge oder eine seelische Verletzung, welche sich psychosomatisch in Körpersymptomen ausdrücken kann. Es handelt sich bei der äußeren Einwirkung um eine lebensbedrohliche Extremeinwirkung. Diese Extremeinwirkung kann selber erfahren oder nur beobachtet werden, die eingetretene Verletzung kann zum Tod führen oder dauerhafte Störungen bis hin zu krankhaften Wirkungen im Organismus des Betroffenen verursachen.

Die traumatische Bedrohung löst eine Ohnmachtserfahrung aus, weil der Bedrohte nicht imstande ist, angemessen zu reagieren, z.B. durch Flucht oder Kampf.

Um zu verstehen, was ein Trauma ist, um sich der differenzierten komplexen neuronalen, hormonellen und somatischen Vorgänge und ihrer Auswirkungen auf den gesamten Körper und die Persönlichkeit des Betroffenen bewusst zu sein, ist es hilfreich, sich die davon betroffenen Strukturen im Gehirn zu vergegenwärtigen:

Der größte Teil des aus mehreren Milliarden Nervenzellen bestehenden Gesamthirns ist die Großhirnrinde, auch Cortex genannt. Diese ist in verschiedene Gehirnlappen unterteilt, von denen der Frontal- oder Stirnlappen (frontaler Cortex) entscheidend für Bewusstsein und bewusste Erinnerung ist. Er ist Sitz von Denken und Handeln und der Persönlichkeitsausprägung.

Der limbische Lappen, auch limbisches System genannt, enthält u.a. die Organe Hippocampus und Amygdala, welche maßgeblich bei der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen beteiligt sind. In der Amygdala fließen alle Informationen aus der sinnlichen Wahrnehmung zusammen. Sie ist das Zentrum, in welchem die äußeren Reize und die damit verbundenen Körperreaktionen sich sammeln, ohne jedoch, dass diese bewusst sind. Darüber hinaus enthält sie Strukturen, welche die Freisetzung von Stresshormonen (Kampf- oder Fluchtreflex) auslösen und das autonome Nervensystem (Blutdruck, Muskelspannung) aktivieren.

Die wesentliche Funktion des Hippocampus besteht darin, dass er Gedächtnisin-halte an den frontalen Cortex weiterleitet, d.h., Erlebtes, welches über die Sinneseindrücke und die damit verbundenen Körperwahrnehmungen in der Amygdala registriert wird (Gefahr oder freudige Aufregung z.B.), wird an den Hippocampus weiter geleitet. Dieser ordnet die Eindrücke zu, „bewertet“ sie, und überführt das Erlebte als erinnerbaren Inhalt zum frontalen Cortex, wo es als abrufbare bewusste Erinnerung festgeschrieben wird.

Im Falle eines Traumas reißt die Verbindung zwischen Amygdala und Hippocampus ab, aufgrund des traumainduzierten Schockzustands: die traumatisierenden Sinneseindrücke verbleiben in Folge meist lebenslang unbewusst in der Amygdala. Die traumatische Episode ist nicht als abgeschlossen bewusst und als abrufbares abgeschlossenes Ereignis im frontalen Cortex eingeschrieben und deshalb nicht erinnerbar. Man nennt diesen Zustand Amnesie.

Da die Verbindung zwischen Amygdala und Hippocampus erst im Laufe des 3. Lebensjahres ausgebildet wird, sind bewusste Gedächtnisinhalte aus der Säuglings- und Kleinkindzeit nicht abrufbar.

Jedoch sind Strukturen der Amygdala schon im frühen Embryo angelegt, so dass unbewusste Informationen über vorgeburtliche Erfahrungen möglich sind.

Auch wenn die traumatische Situation überstanden ist, können die damit verbundenen Ohnmachts- und Angstgefühle weiterhin im späteren Leben getriggert werden, durch Auslöser, die unbewusst als mit dem Trauma ursächlich verbunden in der Amygdala gespeichert sind. Dann wird der traumatische Ergeignisablauf wieder aktiviert, auch wenn in der Lebensaktualität keine Bedrohung herrscht und kein Zusammenhang zu einem früher erlebten bedrohlichen Ereignis, einem Trauma, erkennbar ist.

Eine detaillierte, äußerst differenzierte und komplexe Beschreibung des Trauma-ablaufs und seiner Auswirkungen habe ich im Folgenden entnommen dem Buch von Dr. Renate Hochauf: „Frühes Trauma und Strukturdefizit“  (S. 13 letzter Absatz bis S. 17, vorletzter Absatz):

„Nach derzeitigem Erkenntnisstand werden traumatische Ereignisse als anteilig subkortikal repräsentierte, dissoziierte sensomotorische Erfahrungsmuster gespeichert. Ihre Inhalte können deshalb nicht bewusst werden, werden jedoch „erinnert“ in Form von körperlichen Symptomen von Verhaltensinszenierungen und Ausnahmezuständen, die mit den ursprünglichen traumatischen Affekten und Emotionen verbunden sind.

Man kann sich den Ablauf einer traumatischen Episode wie folgt vergegenwärtigen:

Kommt es zu einer plötzlichen und oder anhaltend intensiven Bedrohung, werden zunächst situationsunabhängig über eine akute hormongesteuerte Stressreaktion Bewältungsreserven in Form aktiver Kampf- und Fluchtmuster mobilisiert. Diese werden im Fall des Erfolges gemeinsam mit dem Ereignis aufgezeichnet und dieses als beendet (im frontalen Cortex, e.A.) gespeichert.

Kann jedoch diese Entlastungsreaktion nicht eintreten, weil sich die Stressintensität und -dauer weiter steigern, kommt eine somato-psychosomatische Verarbeitungskette (Sachse/Venzlaff/Dulz 1997) in Gang. Diese führt über eine kortikale Aktionshemmung und Aktivierung der Amygdala zur Dissoziation der Wahrnehmung. Damit sind eine veränderte Selbstwahrnehmung und eine selektiv-überidentifikatorische Orientierung auf äußere Bedrohungs- und Rettungsmomente verbunden. Außerdem kommt es zunehmend zum Verlust eines ganzheitlichen Raum- Zeit und Selbsterlebens. Dieses beinhaltet die Unmöglichkeit, über die Situation zu verfügen und seine Reaktionen zu kontrollieren. Bei fortgesetzter Stresskonfrontation kann der Prozess zu einer Erschöpfungsreaktion führen. (Fischer/Riedesser1998/Hüther 1999.) Erreicht die Stresseinwirkung – plötzlich oder allmählich – transmarginale Qualität (Pawlow 1953, vgl. auch Dowling in: Janus/Haibach 1997, S. 212), kann das Geschehen schließlich in eine Schockreaktion einmünden, die das Ereignis als traumatisch definiert. Der damit verbundene Abschaltvorgang der Wahrnehmung ist mit der Erfahrung eigener Hilflosigkeit und allmächtiger Fremdbedrohung verbunden. Es kommt zu einem Abreißen der Bezogenheit zur Situation. (Fischer/Riedesser 1998).

Im Ablauf der realen äußeren Ereignisse ist der Traumavorgang irgendwann real beendet. Subjektiv allerdings werden sowohl der Fortgang des Geschehens als auch die Beendigung des traumatischen Ereignisses ab dem Einsetzen des Schocks nicht mehr wahrgenommen. Im Falle einer Erholung der Lebensfunktionen erfolgt der Wiedereintritt in das Erleben. Dieser nachtraumatische Zustand wird noch Restwahrnehmungen der gerade statt gefundenen Extremerfahrung beinhalten.

Der im Schock abgelaufende Teil der Traumahandlung aber  – also der weitere Verlauf der Ereignisfolge und auch dessen Beendigung – verbleibt für den im Schockzustand Betroffenen außerhalb seiner Wahrnehmung.

Während der bis zum Schockende aufgezeichnete Teil des Traumaschemas noch im frontalen Kortex fragmentiert-dissoziiert verfügbar ist, fixiert sich vermutlich an der Abbruchstelle der traumatischen Episode intrapsychisch eine perzeptive Situationsentkoppelung. Nachfolgende Ereignissequenzen verbleiben in subkortikalen Speichersystemen.

Das bis zum Schock aufgezeichnete Traumaschema (Fischer 2000) bleibt deshalb als unterbrochene Handlung gespeichert. (vgl. Fischer/Riedesser 1998). Die Wahrnehmung für die Zeit nach dem Schock, insbesondere für den Wiedereintritt in das Erlebnis, verbleibt subkortikal. Damit entsteht für diesen Anteil der traumatischen Erfahrung eine dauerhafte Erlebensblockierung.

Der schockbedingte Verlust ganzheitlicher Wahrnehmung schließt das traumatische Ereignis auch aus der weiteren Erlebnisintegration aus. Die traumatische Episode ist deshalb unterschiedlichen Grades und in besonderem Maße ab dem Zeitpunkt des Schockerlebens nicht fühlbar, inhaltlich nicht erinnerbar, nicht benennbar, was heißt: perspektivisch ohne sprachlich-symbolische Repräsentation. Die Traumaerfahrungen können in unterschiedliche Formen posttraumatischer Syndrome einmünden. (Fischer/Riedesser 1998). In schweren Fällen induzieren sie eine chronische Bedrohungserwartung und Angstbereitschaft. Das im Schock „eingefrorene“ Trauma wird damit zu dem, was Browne (zitiert nach Bauernfeind/Schäfer 1992, S. 205) als das „nicht erfahrbare Erlebnis“ bezeichnet.

Die Ereigniskette dieser Erlebensblockierung ist in Interaktionen eingebettet, die zum traumatischen Abriss hinführen bzw. diesem nachfolgen. Insofern kann sie als Kern des damit verbundenen Defizits an Strukturbildung gesehen werden.

Infolge der Schockreaktion entstehen bei einem traumatischen Vorgang zwei unterschiedliche Erlebenseinheiten, getrennt voneinander durch die subkortikal gespeicherte Ereignisfolge. Deren erste besteht in einem Angst-Panik-regulierten Stressvorgang, der in Abschaltung einmündet. Seine innere Abbildung assoziiert zu Zuständen, die später also sogenannte „emotionale Persönlichkeitsanteile“ (EP) fungieren. Der zweite betrifft das Wiederbeleben, das die Anknüpfung an die Situation danach ermöglicht. Daraus scheinen sich Aspekte des späteren „anscheinend normalen Persönlichkeitsanteils“ (ANP) zu entwickeln. (Nijenhuis, van der Hart, Steele 2002, Huber 2003). Die spezifische Art der Trennung und Verknüpfung dieser beiden Erlebenszustände ist für das Verständnis späterer Aktivierungen von großer Bedeutung. Die Triggerung eines Traumas setzt an ersterem Erlebenszustand an. Dieser wird ursprünglich durch die beginnende Angst-Panik-Aktivierung geprägt, die dem zunehmenden Kontrollverlust entgegen wirken soll. Parallel zum darüber einsetzenden Entkopplungsprozess kommt es zum Einschalten somatisch-psychischer Überlebensprogramme. Solange noch Rettungschancen vorhanden sind, ermöglichen die neurobiologischen Stresssysteme, durch körpereigene Botenstoffe Angst und Schmerz soweit zu dämpfen, dass alle vorhandenen Überlebensreserven erschlossen werden können. Dabei sind sowohl eine extreme Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit als auch bescheunigte Wahrnehmungs- und Denkabläufe sowie das subjektive Empfinden einer Zeitbeschleunigung zu verzeichnen. (Unfried 2005)

Wenn das innere Suchprogramm keine Chance der Rettung mehr wahrnimmt, entsteht ein völliger Kontrollverlust über die Situation. Der damit verbundene hilflos-verzweifelte Zustand gegenüber der übermächtigen Bedrohung wird über eine hohe Ausschüttung von Kortisol und Endorphinen betäubt. Es tritt der Schock ein.

Die begleitenden Wahrnehmungsveränderungen sind dissoziativer, also realitätsausblendender Natur. Es erfolgt die zunehmende Abspaltung sowohl der Binnen- als auch der Aussenwahrnehmung, oft einmündend in komplette Depersonalisation und Derealisation. Unter Aktivierung der letzten Überlebensreserven infolge der Wahrnehmungsbetäubung fällt schließlich die transmarginale Stressreaktion in einem extremen Erschöpfungsszustand zusammen. Das subjektive Zeitempfinden verlangsamt sich. Psychisch endet dieser Vorgang in wahrnehmungsentkoppelten Erlösungszuständen, sensomotorisch in einer depressiven Schockstarre. Das psychische Verarbeitungssystem leistet die innere Abwehr gegenüber der traumatischen Erfahrung. Der Körper, dessen Reaktionsspektrum jenseits des Abschaltpunktes der Erfahrbarkeit nicht mehr zugänglich ist, speichert das „Überlebensgeheimnis“. Die in diesem vortraumatischen Erlebenszustand gespeicherten Reaktionen führen direkt an die Schockerfahrung heran. Diese selbst aber ist nicht mehr fühlbar, und damit auch nicht das Ende der Traumahandlung. Die Aktivierung von Eindrucksqualitäten, die diesem Erlebniszustand ähnlich sind, bildet die Quelle späterer Dekompensationen.

Der zweite Vorgang, der den Wiedereintritt in das Erleben abbildet, ist in einen nachfolgenden Erlebenszustand eingeschlossen. Er signalisiert quasi einen neuen Lebensbeginn, welcher das vorangegangene Ereignis ausschließt, aber an dessen unvollendeten Fluchtimpuls anknüpft. Allerdings sind in diesem Zustand häufig sowohl Körpereindrücke des Traumas als auch Fragemente der Anpassungs- und Hilfsmöglichkeiten eingeschlossen. Auch der vorher depersonalisierte Wahrnehmungsausstieg kann als Erinnerungsrest in diesen scheinbaren Neubeginn mitgenommen werden. Da er über endorphingesteurte Zustände von Angst- und Schmerzfreiheit gespeichert wurde, kann er als Erlösung aus der Qual empfunden werden. Die Verknüpfung des Fluchtimpulses aus der traumatischen Überlebenseinheit mit der Wiederbelebung schafft die Anbindung an das Danach. Im Kontext mit den unterstützenden Eindrücken im Moment des Wiedereintritts fungiert diese in der weiteren Entwicklung als Kern von Rettungslösungen und Rettungsillusionen, aus denen sich das traumakompensatorische Schema entwickelt.

Zwischen beiden Erlebenszuständen liegt der in der kortikalen Wahrnehmung nicht repräsentierte Teil der Traumahandlung. Deshalb werden die genannten Erlebenseinheiten als zwei prinzipiell verschiedene Zustände gefühlt, aber gleichzeitig stets latent miteinander aktiviert. Der scheinbare Tod und der Wiedereintritt sind zwar prinzipiell unterschiedliche aber stets miteinander latent aktivierte Zustände – getrennt voneinander durch die Körpererinnerung der tödlichen Qual, miteinander verbunden durch die Rettungslösungen und Kompensationsmechanismen. Letztere überbrücken in der inneren Bewältigungsstruktur die getriggerten Traumareize, solange sie in der Lage sind, diese gegen zu balancieren.

Dies erklärt die zwingende Reinszenierung dieser Bewältigungsmechanismen als Überlebensprogramm. Die mit traumabezogenen Rettungshoffnungen verbundenen Lösungen (das minimale kontrolliere Handlungsfeld, Fischer/Riedesser 1998) zentrieren sich um die individuelle Ausgestaltung der Fluchtreaktionen. Sie sollen eine innere und also illusorische Vermeidung des bereits erfolgten Fortgangs des Traumaschemas, dessen Ungeschehenmachen oder Verhinderung der Wiederholung gewährleisten. Die kompensatorischen Bewältigungsversuche können sich später in zwei grundlegenden Tendenzen ausdrücken:

Einerseits entstehen Reaktionsmuster zur Kontrolle des Ohnmachtserlebens.Sie nehmen panikgesteuert das Ereignis vorweg und dienen der Abwehr intrusiver Überflutung vor der endgültigen Abschaltung. Andererseits kommt es zu generalisierten Meidungsstrategien, z.B. depressive Minimierung des Erlebens, des Antriebs- der Schmerz- und Reizwahrnehmung, des sozialen Rückzugs. Diese Reaktionen entstehen in Abwehr der Unausweichlichkeit des Fortgangs der Handlung.